Steigende Kosten bei seit Jahrzehnten fehlender Honoraranpassung und gleichzeitig zunehmenden Versorgungsaufgaben – der wirtschaftliche Druck auf die Vor-Ort-Apotheken ist enorm: Beim Bayerischen Apothekertag 2026 haben Bayerns Apothekerinnen und Apotheker daher deutliche Forderungen an die Politik gerichtet. Inmitten aktueller Gesetzesvorhaben im Gesundheitswesen warnte der Berufsstand vor einer weiteren Schwächung der wohnortnahen, qualitativ hochwertigen Arzneimittelversorgung. Gleichzeitig wurde deutlich gemacht, dass die Apothekerschaft bei verlässlichen politischen Rahmenbedingungen und einer wirtschaftlichen Stabilisierung der Vor-Ort-Apotheken bereit ist, aktiv die Gesundheitsversorgung von morgen mitzugestalten.
Rund 300 Apothekerinnen und Apotheker sowie Pharmaziestudierende aus ganz Bayern kamen am 8. und 9. Mai in München zusammen. Zum Auftakt am Freitagabend stand die berufspolitische Einordnung der aktuellen Reformvorhaben im Mittelpunkt, bevor am Samstag pharmazeutische Fortbildungen folgten. Unter dem Motto „Kompetenz trifft Technologie – Apotheke verbindet“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Berufsstand über die Zukunft der Gesundheitsversorgung. Dabei wurde deutlich, dass die pharmazeutische Expertise wichtiger ist, denn je – von der Arzneimittelentwicklung bis zur Anwendung des Arzneimittels durch den Patienten und darüber hinaus bei der Therapiebegleitung.
Auch in den Diskussionen kam eines klar zum Ausdruck: Die Apotheken sehen sich zunehmend im Spannungsfeld zwischen steigenden Erwartungen an ihre Rolle in der Primärversorgung und den wirtschaftlich schwierigen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig wächst ihre Bedeutung als niedrigschwellige Anlaufstelle im Gesundheitssystem, etwa im Rahmen von Präventionsangeboten aber auch als Lotse im Gesundheitssystem. Zugleich wurde betont, dass die Apothekerschaft als freier Heilberuf und somit Kammerberuf für verbindliche Qualitätsstandards, kontinuierliche Fortbildung und Berufsethik steht – und damit ein zentraler Baustein der Daseinsvorsorge ist.
Die Präsidentin der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK), Franziska Scharpf, stellte klar, dass der Berufsstand grundsätzlich bereit ist, die Transformation aktiv mitzugestalten: „Die Apotheke der Zukunft ist digital vernetzt und hochkompetent und wird eine zentrale Säule der Versorgung einnehmen müssen. Wer Prävention, Primärversorgung und Therapiebegleitung ernsthaft stärken will, kommt an den Apotheken vor Ort nicht vorbei. Wir Apothekerinnen und Apotheker wollen unsere heilberufliche, akademische Kompetenz noch aktiver in ein modernes Gesundheitssystem einbringen und die Versorgung der Menschen nachhaltig verbessern.“
Der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbandes, Dr. Hans-Peter Hubmann, verband diese Perspektive mit klaren wirtschaftspolitischen Forderungen: „Die Kosten für Personal, Energie, Miete und weitere Sachkosten sind seit 2013 um rund 60 Prozent gestiegen. Dieses Auseinanderklaffen von Kosten und Einnahmen können wir nicht mehr schultern. 950 Millionen Euro für die Anpassung des Fixums entsprechen bei rund 350 Milliarden Euro Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen lediglich etwa 0,3 Prozent Mehrausgaben. Sparpotenziale gibt es an anderer Stelle genug: Allein die Finanzierung der Beiträge für Grundsicherungsempfänger aus Steuergeldern würde die GKV um fast 13 Milliarden Euro entlasten. Zudem liegen die Verwaltungsausgaben der Krankenkassen inzwischen bei rund 14 Milliarden Euro – mehr als doppelt so hoch wie die Ausgaben für die Apothekenvergütung. Mit einem Anteil von nur noch etwa 1,87 Prozent sind Apotheken nicht die Kostentreiber im System.“
Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach betonte: „Unsere Apotheken sind ein wesentlicher Teil der staatlichen Daseinsvorsorge. Als Gesundheitsministerin ist es mir ein zentrales Anliegen, eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung mit Arzneimitteln auch in Zukunft sicherzustellen. Dafür braucht es jedoch eine auskömmliche Finanzierung der Vor-Ort-Apotheken. Die beschlossene Erhöhung des Apothekenabschlags im GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz ohne Erhöhung des Fixums geht in die falsche Richtung. Stattdessen müssen die Vor-Ort-Apotheken durch den Bund gestärkt werden. Eine angepasste Vergütung für die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel ist dringend erforderlich. Ich werde mich gegenüber dem Bund weiterhin mit Nachdruck für eine schnelle, vollständige Umsetzung einsetzen.“
Der Bayerische Apothekertag machte damit nicht nur den Reformdruck sichtbar, sondern auch das Potenzial der Apothekerschaft insgesamt, künftig mehr Verantwortung in einem sich wandelnden Gesundheitssystem zu übernehmen – vorausgesetzt, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen.
PharmaPuls: starkes Signal für die Zukunftsfähigkeit des Berufstandes
Zum zweiten Mal wurde das Format „PharmaPuls – Speed-Networking“ im Rahmen des Bayerischen Apothekertages für die Pharmaziestudierenden aus Erlangen, München, Regensburg und Würzburg angeboten. Dem Berufsnachwuchs wird mit diesem Format die Möglichkeit gegeben, in den direkten Austausch mit Politikern zu gehen und eigene Perspektiven und Erwartungen frühzeitig in die gesundheitspolitische Diskussion einzubringen. Hierzu konnte dieses Jahr Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach gewonnen werden, die zusammen mit BLAK-Präsidentin Scharpf mit dem Berufsnachwuchs diskutierte.
Für Scharpf ist gerade dieser Austausch ein zentrales Signal für die Zukunftsfähigkeit des Berufsstandes: „Der Bayerische Apothekertag zeigt, wie wichtig es ist, alle Generationen in die Weiterentwicklung unseres Berufs einzubeziehen. Wenn wir die Herausforderungen der kommenden Jahre meistern wollen, brauchen wir den Dialog zwischen Politik, Praxis und Nachwuchs. Nur so können wir die Arzneimittelversorgung nachhaltig sichern und weiterentwickeln.“