Welche Rolle soll die Apotheke vor Ort bzw. der Apothekerberuf im Allgemeinem im Gesundheitswesen der Zukunft konkret spielen – insbesondere als Teil einer sich wandelnden Primärversorgungsstruktur mit erweiterten pharmazeutischen Kompetenzen und digitaler Unterstützung? Genau diese Frage stand im Mittelpunkt des Bayerischen Apothekertags 2026 in München. Dabei ging es nicht nur darum, wie sich die Apothekenstruktur unter den sich ändernden, politischen Rahmenbedingungen künftig entwickeln wird. Im Fokus stand vor allem die Frage, was Apothekerinnen und Apotheker in Zukunft für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung leisten können.
Deutlich wurde: Die Anforderungen an Apotheken und somit die Apothekerinnen und Apotheker wachsen stetig – von Prävention über Therapiebegleitung bis hin zur digitalen Vernetzung. Gleichzeitig geraten viele Betriebe durch steigende Kosten und fehlende Honoraranpassungen zunehmend unter Druck. Franziska Scharpf, Präsidentin der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK), machte die Herausforderungen und Chancen gleichermaßen deutlich: „Die Apotheke der Zukunft ist digital vernetzt und hochkompetent und wird eine zentrale Säule der Versorgung einnehmen müssen. Wer Prävention, Primärversorgung und Therapiebegleitung ernsthaft stärken will, kommt an den Apotheken vor Ort nicht vorbei.“ Gleichzeitig betonte sie, dass Apotheken diese zusätzlichen Aufgaben nur übernehmen können, wenn sie wirtschaftlich stabilisiert werden und verlässliche politische Rahmenbedingungen sowie tragfähige Strukturen geschaffen werden. Scharpf stellte klar: „Man kann keine stärkere Rolle fordern und gleichzeitig die Grundlage entziehen. Wir Apothekerinnen und Apotheker sind nicht Teil des Problems – wir sind Teil der Lösung!"
Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbandes e. V. (BAV), zeichnete ein alarmierendes Bild der aktuellen Entwicklung: „Am Jahresende 2025 hatten wir in Bayern noch 2.614 Apotheken – das ist ein Rückgang gegenüber dem Höchststand Anfang der 2000er Jahre um über 800 Apotheken und der niedrigste Stand seit 50 Jahren.“ Als Ursache nannte Hubmann die chronische Unterfinanzierung – mit weitreichenden Folgen: „Jede Apotheke, die schließen muss, ist ein Verlust von freiberuflicher Existenz, von wohnortnahen Arbeitsplätzen vornehmlich für Frauen und fehlende Versorgung vor Ort für die Menschen.“
Dass die Politik diese Entwicklung wahrnimmt, machte Judith Gerlach, Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, deutlich. Sie versprach, sich auch weiterhin für eine angemessene Vergütung für die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel und somit die längst überfällige Fixumserhöhung einzusetzen. Ebenso ging sie auf die geplante PTA-Vertretungsregelung ein: „Wir wollen nicht, dass die Apotheken als reine Arzneimittelabgabestellen fungieren.“ Gerlach sieht in der geplanten Vertretungsregelung eine Entwertung des Apothekerberufs und konstatierte, dass die Regelung weder zu finanziellen Einsparungen noch zu einer Entlastung des Apothekers führt.
Impulsvortrag Professorin Dr. Alena Buyx
Professorin Dr. Alena Buyx, Ärztin und Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, TU München, nahm die Gäste in einem ebenso unterhaltsamen wie nachdenklichen Vortrag mit in die Welt der Künstlichen Intelligenz (KI). Unter dem Titel „Horror oder Heilsbringer? Medizinethische Überlegungen zur KI“ sprach sie über individuelle und gesellschaftliche Verantwortung bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz. Buyx machte deutlich, dass KI Arbeitsprozesse sinnvoll unterstützen kann und künftig viele Bereiche des Berufsalltags und des täglichen Lebens prägen werde. Gleichzeitig warnte sie davor, der Technologie menschliche Fähigkeiten zuzuschreiben: „KI-Modelle denken nicht, sie haben kein Bild von der Welt – das ist Statistik.“ Umso wichtiger sei es, die neue Technologie aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten.
Enge Zusammenarbeit zwischen den Heilberufen
In der anschließenden Podiumsdiskussion stand ebenfalls die zentrale Fragestellung „Welche Rolle soll die Apotheke vor Ort künftig in der Gesundheitsversorgung übernehmen?“ im Mittelpunkt. BLAK-Präsidentin Scharpf und BAV-Vorsitzender Hubmann diskutierten gemeinsam mit Dr. Marlene Lessel, 2. Vizepräsidentin der Bayerischen Landesärztekammer, Prof. Dr. Buyx und dem Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Hans Theiss – beide ebenfalls Mediziner – über Primärversorgung, Digitalisierung und die Vernetzung im Gesundheitswesen. Einigkeit herrschte darüber, dass der Einsatz von KI und digitalen Systemen die Abläufe in Apotheken und Arztpraxen verbessern und die Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten effizienter gestalten können. Unterschiedliche Auffassungen gab es hingegen beim Thema Primärversorgung. Während Scharpf betonte, dass Apotheker bereitstehen als auch fachlich ausreichend qualifiziert seien, zusätzliche Leistungen wie Impfen oder Screenings zu übernehmen, wurde dies von ärztlicher Seite kritisch bewertet. Trotz unterschiedlicher Positionen bestand am Ende Konsens darüber, die Zusammenarbeit zwischen den Heilberufen weiter zu stärken. Prof. Dr. Buyx brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Alle Heilberufe haben ein gemeinsames Ziel – und das ist das Patientenwohl.“
PharmaPuls bringt Pharmaziestudierende und Politik zusammen
Beim PharmaPuls 2026 erhielten Pharmaziestudierende der bayerischen Universitäten die Gelegenheit zum direkten Austausch mit Staatsministerin Gerlach. Im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion standen auch hier die Themen Digitalisierung und KI, Interprofessionalität und Schnittstellen zu anderen Heilberufen, aber auch die aktuelle Berufspolitik sowie das Bild der Apotheken der Zukunft. Beim anschließenden „Speed-Networking“ kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer persönlich mit der Ministerin ins Gespräch. Die Studierenden äußerten offen ihre Bedenken und Ängste zur zukünftigen Ausgestaltung des Apothekerberufs. Gerlach betonte, dass sie trotz bestehender gesetzlicher Limitierungen für gute Rahmenbedingen kämpfen werde. Die Studierenden lobten den wertvollen Austausch und die Nahbarkeit zu Politik und Ehrenamt.
Künstliche Intelligenz im Apothekenalltag und in der Pharmazie
Auch der Fortbildungskongress des Bayerischen Apothekertags am Samstag widmete sich intensiv der Integration neuer Technologien in den Arbeitsalltag der Apothekerinnen und Apotheker – und dies in allen Tätigkeitsbereichen, sei es der öffentlichen Apotheke, der Krankenhausapotheke oder der Forschung. Hochkarätige Referentinnen und Referenten zeigten praxisnah, wie KI ganz konkret in der Pharmazie und den Apotheken assistieren und Prozesse effizienter gestalten kann. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten dabei konkrete Einblicke in aktuelle Entwicklungen und nahmen wertvolle Impulse für ihre tägliche Arbeit mit.



